Ökonomie plus Moral
Verkehrsmittelwahl im Spannungsfeld ökologischer Normorientierung und monetärer Kosten (1999 - 2001)
Gefördert durch die DFG im Schwerpunktprogramm "Mensch und globale Umweltveränderungen: sozial- und verhaltenswissenschaftliche Dimensionen"
In der umweltpolitischen Diskussion gewinnt die Forderung nach preisbezogenen Steuerungsinstrumenten für das individuelle Umwelthandeln zunehmend an Gewicht. Auf der Basis der Erkenntnis, dass ein hohes Umweltbewusstsein bei großen Verhaltenskosten in der Regel nicht ausreicht, um tatsächlich umweltschonendes Verhalten zu garantieren, stellt die Verringerung der individuellen Kosten für umweltschonendes Verhalten mittlerweile ein wesentliches Ziel von Interventionsmaßnahmen im Umweltbereich dar. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Kontext der Kostenfaktor "monetärer Preis", da in ihm eine der zentralen Steuerungsvariablen zur Förderung umweltschonenden Verhaltens gesehen wird. Umweltschonendes Verhalten darf also nicht durch höhere Kosten bestraft werden, sondern ist durch gezielte Anreizstrukturen zu fördern. Zusätzlich ist jedoch die Bedeutung von inneren umweltbezogenen Werthaltungen und Einstellungen zu berücksichtigen.
Gegenstand des Projekts ist daher die Analyse des Zusammenwirkens von ökologischer Normorientierung und monetären Kosten im Bereich des individuellen Mobilitätsverhaltens. Auf theoretischer und empirischer Ebene existieren hierzu eine Reihe - zum Teil widersprüchlicher - Hypothesen, über die im Rahmen einer quasiexperimentellen Feldstudie eine Entscheidung herbeigeführt werden soll. Als Untersuchungskontext wird das Mobilitätsverhalten von Personen gewählt, da hier ein unmittelbarer Zusammenhang zu globalen Umweltveränderungen (CO2-Anreicherung der Erdatmosphäre) gegeben ist.
In dem Vorläuferprojekt "Interaktion von ökologischer Normorientierung und situativen Faktoren beim umweltverantwortlichen Handeln" wurde bereits eine experimentelle Kontrolle von externen Faktoren im Bereich der Verkehrsmittelwahl durchgeführt. Analysiert wurde hierbei das Zusammenspiel von kognitiven Konstrukten eines Norm-Aktivations-Modells für umweltverantwortliches Handeln und den externen Faktoren "Fahrpreis" und "Haltestellenentfernung" bei der Verkehrsmittelwahl. Als Hauptergebnis zeigte sich, dass sowohl der externe Faktor "Fahrpreis", als auch die persönliche ökologische Verantwortung einen deutlichen Effekt auf die Verkehrsmittelwahl ausüben. Ein Interaktionseffekt ließ sich für die externen und internen Einflussgrößen nicht nachgewiesen, vielmehr zeigte sich ein summativer Effekt der internen und externen Einflussfaktoren bei der Verkehrsmittelwahl. Zusätzlich ergaben sich Hinweise dafür, dass der externe Faktor "monetäre Kosten" nicht nur als beobachterdefinierte objektive Größe mit in die Modellbildung miteinbezogen werden muss, sondern immer auch in seiner subjektiven Repräsentation durch die betroffenen Personen zu berücksichtigen ist.
Im Fokus des aktuellen Projekts steht erneut die Analyse des Wahlverhaltens zwischen Pkw und öffentlichem Personennahverkehr (ÖPNV), wobei die monetären Kosten für die Nutzung von Pkw und ÖPNV in drei Stufen quasi-experimentell variiert werden: (a) ÖPNV-Nutzung teurer als Pkw-Nutzung, (b) ÖPNV-Nutzung und Pkw-Nutzung preisäquivalent, (c) ÖPNV-Nutzung billiger als Pkw-Nutzung. Diese drei-stufige Variation erfolgt hierbei für drei verschiedene Standardstrecken der Upn, und zwar für die drei Zwecke Arbeit/Ausbildung, Einkaufen und Freizeit. Zusätzlich wurde ein Fragebogen entwickelt, in dem neben den bereits im Vorläuferprojekt entwickelten Items zum modifizierten Norm-Aktivations-Modell (neun Subskalen), subjektive Repräsentationen von Preisen (Kostenschätzungen Pkw/ÖV der definierten Standardwege, der subjektiv wahrgenommener eigener finanzieller Spielraum, wahrgenommene Angemessenheit/ Fairness von Preisen und geldspezifische Einstellungen) und Repräsentationen nichtmonetärer Verkehrsmittelattribute (z.B. Komfort, Sicherheit etc.) berücksichtigt werden. Der Fragebogen wurde im November 1999 in einem Pretest (N = 200) geprüft und weiter optimiert.
Im August 2000 wurden im Rahmen der Hauptuntersuchung mehrere aufeinander aufbauende Erhebungen durchgeführt. Es wurden zunächst insgesamt 3000 Bochumer BürgerInnen angeschrieben und über die geplante Untersuchung informiert. Für alle 3000 Personen war eine akzeptable ÖPNV-Erreichbarkeit gewährleistet. Im Rahmen telefonischer Kurzinterviews wurden zunächst die Voraussetzungen für die Teilnahme an der Untersuchung (Führerscheinbesitz , Pkw-Verfügbarkeit etc.), die Standardstrecken für die drei Wegezwecke sowie die Bereitschaft zur weiteren Teilnahme an der Untersuchung erhoben. Auf der Basis der angegebene Standardstrecken konnten so die individuellen, objektiven Kostenrelationen Pkw/ÖPNV berechnet und insgesamt 260 Upn für die weitere Untersuchung ausgewählt werden.
Mit den 260 Upn fanden Face-to-Face - Interviews statt, in denen die kognitiven Variable des modifizierten Norm-Aktivations-Modells, die subjektiven Repräsentationen der Preise, die Preisschätzungen für die drei Standardstrecken (jeweils für Pkw und ÖPNV-Nutzung) und die Bewertung der Verkehrsmittel-Attribute erhoben wurden. Abschließend erfolgte eine vier-wöchige Verhaltenserhebung der Verkehrsmittelnutzung für die jeweiligen Standardstrecken der Upn.
In der Auswertung soll überprüft werden, wie monetäre Kosten für räumliche Mobilität subjektiv repräsentiert werden und in welchem Verhältnis subjektive und objektive Kosten stehen. Hier wird erwartet, dass die monetären Kosten für die Pkw-Nutzung im Vergleich zu den Kosten der ÖPNV-Nutzung eher unterschätzt werden. Weiterhin soll analysiert werden, ob ökologische Normorientierung und monetäre Kosten der Mobilität additiv auf das Verkehrsmittelwahlverhalten wirken oder eine komplexere Interaktion eingehen, wie sie z.B. von Diekmann & Preisendörfer (1992) oder Guagnano, Stern & Dietz (1995) postuliert wird.
Ein Ziel der Forschungsbemühungen liegt in der Ableitung von Prognosen über die Akzeptanz monetär ausgerichteter Interventionsmaßnahmen zur Förderung umweltschonender Verhaltensweisen.


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