Überarbeitet aus:
Guski, Rainer (1996): Wahrnehmen - ein Lehrbuch. Stuttgart: Kohlhammer
4. Körperliche
Voraussetzungen für Sehen, Hören und Bewegen
Bei
der Aufnahme von Information aus der Umwelt arbeiten alle
Sinnessysteme und die Motorik normalerweise so zusammen, daß
der Beitrag eines einzelnen Systems kaum unabhängig von dem
der anderen gesehen werden kann. Dennoch werden wir sie in diesem
Kapitel wegen der besseren Übersichtlichkeit einzeln
betrachten. Wir beschränken uns auf das Sehen und
Hören mit der dazu gehörigen Motorik und erörtern
einige anatomische und physiologische Aspekte. Dies geschieht
allerdings auf einem eher allgemeinen Niveau - die genauen
Einzelheiten sollten den einschlägigen Lehrbüchern
entnommen werden. Hinweise dazu finden sich am Ende dieses Kapitels.
4.1
Körperliche Ausstattung für das Sehen
4.1.1
Anatomische Gesichtspunkte
Mehrere
anatomische Faktoren haben für unser Sehen wesentliche
Bedeutung: 1.) Wir haben zwei Augen, 2.) diese sind horizontal
nebeneinander mit einem Abstand zwischen 5 und 8 cm voneinander
angeordnet, 3.) sie befinden sich oberhalb aller
übrigen Körperteile - mit Ausnahme des Gehirns,
4.) die Augen sind im Kopf willkürlich beweglich, 5.) der
Kopf selbst ist relativ zum Körper beweglich, und 6.) der
Körper ist relativ zum Erdboden in der horizontalen Ebene
in alle Richtungen beweglich. Die beiden Augen liefern
wegen ihres Abstands Informationen, die sich in der
horizontalen Ebene leicht voneinander
unterscheiden.
Und diese Informationen verändern sich von einem Augenblick zum
nächsten.

Abb.
4-1: Kopf- und Augenstellung in Ruhe von der Seite gesehen (nach
Kroemer 1987).
Der
Kopf ist bei entspannter Haltung durchschnittlich um
24,5 ± 5 gegenüber dem Rumpf nach vorn geneigt
(Kroemer 1987, s. Abb. 4-1). Die visuelle Hauptachse ist im
allgemeinen 90 senkrecht zur vertikalen Kopfachse direkt
nach vorn gerichtet. Die Augenposition, die Kopfhaltung und
die Stellung der Augen haben zusammen erhebliche
Konsequenzen für die visuelle Aufnahme von Information: In
entspannter Haltung ist das untere Gesichtsfeld
weitgehend
mit Information über den tragenden Boden und die
darauf befindlichen Teile "angefüllt". Beim aufrechten
entspannten Umhergehen in der Welt ist der Blick häufig
geradeaus auf den Boden gerichtet und trifft ihn in einem Abstand von
etwa 2 m zum Körper (Wagner, Baird & Barbaresi 1981).
4.1.2
Augenbewegungen
Sechs
Augenmuskeln, innerviert durch 3 Nerven, gestatten willkürliche
und unwillkürliche Augenbewegungen, die binokular
koordiniert ablaufen. Hinsichtlich der Koordination unterscheiden
wir konjugierte Augenbewegungen und Vergenzbewegungen: Bei 1
konjugierten Augenbewegungen verschieben sich die Augen zusammen
vertikal und/oder horizontal (z.B. beim Schauen nach rechts, links,
oben oder unten). Vertikalbewegungen sind fast immer mit
Lidbewegungen verknüpft; größeren konjugierten
Augenbewegungen folgen in der Regel gleichsinnige
Kopfbewegungen.
Bei
Vergenzbewegungen verschieben sich die Augachsen
horizontal relativ zueinander bzw. relativ zur Mitte
der Blickrichtung. Eine Konvergenzbewegung wird
ausgeführt, wenn der Blick von einem entfernten zu
einem näher gelegenen Ort gerichtet wird; umgekehrt
tritt eine Divergenzbewegung auf, wenn der Blick auf einen weiter
entfernten Ort gerichtet wird. Beim Schauen auf weit
entfernte
Orte sind die Sehachsen parallel. In Ruhe und
Dunkelheit
entsprechen die Augachsen der Vergenz bei einer
Fixationsdistanz von 1,2 m (Ruhevergenz) -
allerdings mit großen interindividuellen
Unterschieden (Heuer & Owens 1989).

Abb.
4-2: Die Vergenz der Augen hängt von der Entfernung des
betrachteten Gegenstands ab. Ist dieser weit entfernt, stehen
die Augenachsen parallel.
Durch
Augen- und andere Körperbewegungen verändert sich
die visuell aufgenommene Information ständig: Beim
ungezielten Umherblicken werden die Augen ruckartig
(saccadisch) während einer Zeit von 10-80 msec
weiterbewegt - bei unwillkürlichen Saccaden
nur wenige Winkelminuten weit, bei willkürlichen bis
zu 100 . Zwischen den Saccaden fixieren wir
Umwelt-Punkte für 200 bis 600 msec. Auch in dieser Zeit
sind die Augen nicht starr, sondern durch Augentremor, langfristige
Verschiebungen und Microsaccaden in Bewegung. Beim
gezielten Betrachten können wir zwischen Augenfolgebewegungen
bei bewegten Punkten und Blickbewegungen bei komplexen statischen
Mustern unterscheiden.
Bei
Augenfolgebewegungen wird ein Objekt, das sich relativ zu uns
bewegt, gleitend verfolgt, d.h. innerhalb eines Bereiches von 2 um
die
Mitte der Hauptblickrichtung gehalten. Beträgt die
Objektgeschwindigkeit mehr als etwa 80 /sec, dann werden
Augenfolgebewegungen durch Kopfbewegungen begleitet. Wird eine
komplexe optische Anordnung betrachtet, folgen die Augen
hauptsächlich den Konturen und fixieren vor allem jene Teile der
Anordnung, die bedeutungshaltige Information enthalten.
Beim
Lesen verschiebt sich der Fixationspunkt in kleinen
Saccaden entsprechend der Leserichtung, wobei die Länge
dieser Sprünge von der formalen Gliederung des Textes und der
Verständlichkeit abhängt; bei schwer lesbaren Texten
treten auch gelegentlich Rücksprünge auf.
Der Zeilenwechsel wird meist in einer einzigen Saccade
bewältigt (s. Abb. 4-3).

Abb.
4-3: Saccadische Augenbewegungen und Fixationen beim Lesen von drei
Zeilen eines Textes (schematisch).
Ein
optokinetischer Nystagmus (Wechsel von
Augenfolgebewegung und Saccade) tritt auf, wenn sich
wiederholt Gegenstände im Blickfeld rasch bewegen. Dies ist
z.B. beim Blick aus einer fahrenden Eisenbahn zu beobachten: Wir
fixieren kurzzeitig einen entfernten Gegenstand, verfolgen ihn
mit den Augen und springen dann zu einem anderen
Gegenstand, den wir wieder verfolgen usw.
4.1.3
Der optische Apparat
Die
optische Ausstattung des Auges besteht aus einem
zusammengesetzten Linsensystem mit Komponenten, die
unterschiedliche Brechkraft und Abbildungsgüte
besitzen (Abb. 4-4): Licht fällt zunächst auf die
durchsichtige Cornea (Hornhaut), durch die mit Wasser
gefüllte vordere Augenkammer und die dahinter befindliche
größenvariable Iris, die in ihrer Krümmung
variable Linse, anschließend durch den mit einem klaren
Gel angefüllten Glaskörper auf die Retina
(Netzhaut), die die hintere Oberfläche des Augeninnern bedeckt.
Etwa auf der Mitte der Retina befindet sich die Fovea (gelber
Fleck) mit einer hohen Rezeptordichte, nicht weit von der Papille
(blinder Fleck), wo die Nervenfasern aus dem Auge heraustreten.

Abb.
4-4: Schematisierter Horizontalschnitt durch das rechte Auge.
(Modifiziert nach Schmidt & Thews 1990).
Die
Pupille wird mit Hilfe zweier Muskeln in ihrer Weite
entsprechend der von außen einwirkenden Lichtmenge
reguliert: Sie ist um so weiter, je geringer die eintretende
Lichtmenge ist; die weiteste Öffnung beträgt bei
Jugendlichen etwa 8 mm, die kleinste Öffnung etwa 1,5 mm - mit
zunehmendem Alter wird der durchschnittliche Pupillendurchmesser
kleiner. Die ganze Breite der in der Umwelt auftretenden
Variationen der Lichtintensität kann durch diesen
Mechanismus allein jedoch nicht abgedeckt werden;
zusätzlich beeinflussen retinale Adaptationsprozesse
die Regelung der Helligkeitsempfindlichkeit.
Die
Linse sammelt das einfallende Licht und wirft es umgekehrt
auf die Netzhaut. Da die Schärfe des projizierten Bildes von der
Distanz des Sehobjektes einerseits und der Brechkraft des
optischen Apparats andererseits abhängt, muß die
Brechkraft entsprechend der Distanz des Umwelt-Punktes verändert
werden. Dies geschieht mit Hilfe der Akkomodation: Der
Ciliarmuskel, der die Linse seitlich umschließt,
verändert
die Dicke bzw. Krümmung der Linse, vor allem deren
Vorderfläche.
Sind die betrachteten Umwelt-Punkte nah am Körper, wird die
Linse stärker gekrümmt (Nah-Akkomodation); sind sie weiter
entfernt, wird die Linse flacher (Fern-Akkomodation). Die
Akkomodationsbreite liegt im jugendlichen Alter zwischen 7 cm und
unendlich; mit zunehmendem Alter wird sie geringer: Der Nahpunkt
rückt in die Weite. Die Retina eines menschlichen Auges
besteht neben Nervenzellen und -fasern vor allem aus licht- und
farbempfindlichen Rezeptoren (ca. 120 Mio. Stäbchen
und 6 Mio. Zapfen). Diese Photorezeptoren haben
unterschiedliche Aufgaben: Stäbchen
reagieren auch auf Licht geringer Helligkeit (vor allem im
Bereich um 510 nm), während Zapfen weniger empfindlich sind
und je nach Typ auf Wellenlängen von 450, 530 oder 560 nm
optimal ansprechen. Da außerdem Zapfen etwas kleiner als
Stäbchen sind, sich im Bereich der schärfsten Abbildung
(auf der Fovea) konzentrieren und jeweils einzelne Nervenfasern
haben, wird plausibel, daß Zapfen das scharfe
Farbensehen bei Tage (photopisches Sehen) ermöglichen,
während Stäbchen farbloses und weniger scharfes
Helligkeitssehen bei geringer Beleuchtung (skotopisches
Sehen) gestatten.
Die
Stäbchen und Zapfen befinden sich auf der Retina an der dem
Licht abgewandten Seite; das Licht muß erst durch das
Geflecht von Nervenfasern, Ganglionzellen und
Zwischenneuronen
fallen, bevor es die Photorezeptoren erreicht. Fällt Licht auf
die Stäbchen und Zapfen, so finden dort chemische Prozesse
statt, die zu elektrischen Entladungen an den Rezeptorenden
führen. In den retinalen Nervenzellen findet vor allem eine
Zusammenfassung der von den Stäbchen kommenden
elektrischen Impulse statt; zusätzlich sind auch einige Zapfen
untereinander verbunden.
4.1.4
Neurale Verbindungen zum Gehirn
Die
Retina ist mit der visuellen Hirnrinde (dem Occipitallapen)
durch eine Vielzahl von Nervenfasern verbunden, die durch die beiden
lateralen Genikulatkörper unterbrochen werden und
außerdem
Verbindungen zu mehreren anderen neuralen Kernen haben.

Abb.
4-5: Stark vereinfachtes Schema der Sehbahn und der efferenten
Verbindungen zwischen kortikalen und subkortikalen Strukturen.
Hauptkennzeichen
der Sehbahn (s. Abb. 4-5) ist die Kreuzung (Chiasma
opticum) der nasal von den beiden Augen kommenden
optischen Nerven. Die temporalen Fasern werden nicht
gekreuzt. Diese Anordnung führt dazu, daß schon
subkortikal in beiden Hirnhälften neurale
Erregungen aus beiden Augen zusammen verarbeitet werden
können. Kortikal werden fast ausschließlich
binokulare Informationen genutzt. Weitere
wichtige Merkmale der Sehbahn sind die subkortikalen
Verbindungen zur prätektalen Region (in der vor
allem die Pupillenweite und einige
Augenbewegungen
gesteuert werden), zu den oberen Colliculi (in denen
vor allem saccadische Augenbewegungen gesteuert werden) und
zum lateralen Genikulatkern, in dem wichtige
Voraussetzungen zum Erkennen von Objekten, zum Bewegungs-,
Farben- und Tiefensehen erfüllt werden. In Abb. 4-5 sind
weiterhin die Rückprojektionen vom visuellen Cortex
zum Genikulatkern und zu den oberen Colliculi
angedeutet: Damit wird sichergestellt, daß die visuelle
Informationsaufnahme selektiv und willkürlich geschehen kann.
4.1.5
Rezeptive Felder
Da
zahlreiche Verbindungen zwischen Rezeptoren untereinander und
verschiedenen neuralen Zentren auf der Sehbahn bestehen, ist zu
erwarten, daß die neuralen Signale auf den verschiedenen
Stationen der Sehbahn auch bei identischen Reizvorlagen
unterschiedlich aussehen. Aus der Veränderung
dieser Signale können wir eventuell Rückschlüsse auf
die Art der neuralen Verarbeitung ziehen.
Eine
Technik zur Untersuchung der neuralen Erregungen besteht in
der Einzelzell-Ableitung, d.h. der Implantierung von winzig
feinen Elektroden in die Retina, den visuellen Cortex oder andere
Teile der Sehbahn. Mit Hilfe einer stereotaktischen Einrichtung
kann die Elektrode so eingeführt werden, daß
ihre Spitze tatsächlich nur eine Zelle trifft. Diese
Technik wird oft bei narkotisierten Katzen und Affen, teilweise
auch bei wachen Tieren durchgeführt. Bietet man dem Tier nur
eine neutrale unstrukturierte Fläche als Reiz, so
zeigen sich nur unregelmäßige
Spontanentladungen
der Zelle. Zeigt man dagegen eine strukturierte Fläche
(z.B. einen Punkt, einen Balken) oder gar ein biologisch wichtiges
Muster in verschiedenen Bereichen des Gesichtsfeldes, so
ändert sich das Entladungsverhalten der Zelle systematisch.
Man
kann auf diese Weise rezeptive Felder auf der Retina in ihrer
Größe bestimmen, d.h. räumlich begrenzte Areale
im Gesichtsfeld, in denen eine Änderung der Beleuchtung zu einer
Veränderung im Entladungsverhalten der Neurone führt.
Diese Areale können unterschiedlich groß
sein und unterschiedliche Formen haben - im fovealen
Bereich finden wir z.B. Felder von weniger als 1 Sehwinkel,
während
manche Felder in der Netzhautperipherie
bis zu 100 groß (und oft mit bewegungssensiblen
Neuronen verbunden) sind. Aus der eigenen Tasterfahrung
wissen wir, daß wir die Glätte bzw. Rauhigkeit einer
Oberfläche sehr gut mit den Fingerspitzen, aber
weniger gut mit dem Handrücken fühlen können: Die
rezeptiven Felder der Fingerspitzen sind wesentlich kleiner
als die des Handrückens.
Ein
Beispiel zur Organisation eines retinalen
rezeptiven
Feldes: Eine retinale Ganglionzelle feuert in Dunkelheit
spontan ungefähr 20mal in der Sekunde. Wenn ein
kleiner Lichtpunkt in das Katzenauge projiziert und über
die Retina bewegt wird, ändert sich die Feuerungsrate
systematisch. Wird die stärkste Erregung dann
erreicht, wenn Licht in das rezeptive Feldzentrum fällt,
dann sprechen wir von "An-Zentrum-Zellen" (On-center
cells). Wird eine Zelle dann am stärksten erregt, wenn
das Licht im rezeptiven Feldzentrum ausgeschaltet wird, so
sprechen wir von "Aus-Zentrum-Zellen" (Off-center cells).
Vielfach besteht das rezeptive Feld aus einem Zentrum mit
einem antagonistischen Umfeld: Bei den An-Zentrum-Zellen wird das
Umfeld durch Licht gehemmt, bei den Aus-Zentrum-Zellen dagegen durch
Licht erregt. Diese Situation ist in Abb. 4-6 dargestellt

Abb.
4-6: Registrierungen an retinalen Ganglionzellen in einem
rezeptiven
Feld mit On-Zentrum/Off-Umfeld-Charakteristik.
Fällt
Licht nur in das Zentrum des retinalen Feldes, werden die
An-Zentrum-Zellen und die Aus-Umfeld-Zellen gleichzeitig
erregt. Andere rezeptive Felder zeigen eine umgekehrte
Charakteristik: z.B. führt Licht-Einschalten im Zentrum zu
keiner Änderung, wohl aber das Ausschalten, während
Licht-Einschalten im Umfeld zu Erregung führt. Fällt
Licht in beide Bereiche gleichzeitig, so hemmen sich die
beteiligten Ganglionzellen gegenseitig; die neuronale
Entladungsrate ist dann geringer, als wenn es nur ins Zentrum
fällt.
Allerdings ist das Gewicht der Zentrum-Antwort meist größer
als das der Umfeld-Antwort. Die Funktion dieser retinalen Zellen
besteht also darin, auf Lichtänderungen in einem kleinen
konzentrischen rezeptiven Feld zu reagieren..
Auf
kortikaler Ebene haben Hubel & Wiesel (z.B. 1959) Zellen
gefunden, die auf komplexere Lichtreize reagieren;
beispielsweise auf vertikale Balken, auf horizontale Balken
oder auf Ecken. Die rezeptiven Felder einiger dieser Zellen
erfordern eine bestimmte Lage und Orientierung dieser
Stimuli auf der Retina - sie werden einfache Zellen genannt.
Andere Zellen benötigen Konturen mit bestimmter Orientierung und
Ausdehnung und Konturunterbrechungen (z.B. Ecken) und
werden komplexe Zellen genannt. Wenn sie zusätzlich noch
besonders gut auf Reize bestimmter Größe bzw. Länge
reagieren, werden sie hyperkomplexe Zellen genannt.
Unter
einer biologischen Perspektive können wir fragen, was ein Tier
mit abstrakten Balken und Winkeln anfangen kann; wäre nicht der
Anblick einer Maus für eine Katze oder der einer Banane für
einen Affen ein adäquaterer Reiz? Eine erste Antwort haben
Creutzfeldt & Nothdurft (1978) gegeben, nachdem sie einfache
und komplexe Abbildungen (z.B. Vögel) über das rezeptive
Feld eines Neurons anästhesierter Katzen so geführt haben,
daß das ganze Bild sukzessiv vom rezeptiven Feld
"abgetastet"
werden konnte. Die Autoren schließen aus ihren
Ergebnissen, daß Neurone im lateralen Genikulatkern einen
komplexen Reiz auf Konturen reduzieren, während kortikale
Zellen nur auf Konturen bestimmter Orientierungen reagieren. Der
genaue Verlauf der Konturen kann im visuellen Kortex nur durch das
Zusammenwirken einfacher Zellen repräsentiert
werden, die kleine rezeptive Felder und damit eine hohe Auflösung
haben, während komplexe Zellen mit ihren größeren
rezeptiven Feldern die ungefähre Lage eines bewegten Stimulus
repräsentieren. Die Zusammenarbeit dieser beiden Neuronenarten
gestattet u.a. das Fixieren und die binokularen Vergenzbewegungen
(mit Hilfe einfacher Zellen) sowie das Entdecken bewegter Objekte und
die motorische Steuerung hin zu diesen Objekten (komplexe
Zellen).
Eine
weitere Antwort gaben Rauschecker, Grünau & Poulin (1987):
Etwa 93% der untersuchten Zellen des lateralen suprasylvischen
visuellen Kortex von anästhesierten Katzen reagieren auf
Bewegungen. Die Majorität dieser Zellen reagiert bevorzugt auf
Reize, die zentrifugal in Richtung auf die obere
Gesichtsfeldhälfte
bewegt werden (vergleichbar der Flußfeld-Änderung bei
einer fortlaufenden Maus). Wenn beide Katzenaugen
auf diese Weise gereizt werden, verstärkt sich die
Gesamtaktivität der registrierten Zellen um mehrere hundert
Prozent. Rauschecker et al. (1987) interpretieren ihre
Ergebnisse als Hinweis auf die funktionale Nützlichkeit
kortikaler Strukturen, die Informationen aus dem ganzen optischen
Flußfeld aufnehmen und dazu beitragen, die Fixierung bewegter
Objekte aufrechtzuerhalten, die Bewegungsrichtung und
-geschwindigkeit bei Vorwärtsbewegung zu steuern,
auf das Tier zukommende Objekte zu vermeiden und insgesamt das
Verfolgen von Beutetieren zu ermöglichen.
4.1.6
Helligkeitsadaptation und Kontraste
Die
absolute Empfindlichkeit der Augen paßt sich der
durchschnittlichen Umgebungsleuchtdichte an. Dies geschieht
überwiegend durch die Hell- bzw. Dunkeladaptation
der Rezeptoren, teilweise auch durch eine
veränderte
Pupillenweite. Die Dunkeladaptation braucht eine
gewisse Zeit und verläuft für Stäbchen und
Zapfen verschieden: Wenn wir übergangslos
aus dem Tageslicht in einen fast lichtlosen Raum gehen,
können wir zunächst gar nichts sehen. Nach wenigen
Minuten können wir grobe Umrisse von Gegenständen
erkennen, die farblos erscheinen. Verbringen wir mehr als 30
Minuten in diesem Raum, so können wir die darin
befindlichen Gegenstände recht gut sehen. Den typischen
"Kohlrausch-Knick" der Dunkeladaptationskurve zeigt Abb.
4-7 (schwarze Punkte). Wir können solche Kurven mit Hilfe der
Herstellungsmethode erhalten: Die Augen einer Untersuchungsperson
werden zunächst an große Raumhelligkeit adaptiert, dann
wird das Raumlicht ausgeschaltet, und die Up muß die
Helligkeit eines sehr kleinen blinkenden Testlichts so
einstellen, daß sie es gerade eben sehen kann. Um
sicherzustellen, daß sowohl Stäbchen als auch Zapfen
erregt werden, soll die Person das Testlicht nicht fixieren,
sondern daran vorbeischauen, damit es in die retinale Peripherie
fällt, wo sowohl Stäbchen als auch Zapfen vorkommen.

Abb.
4-7: Der zeitliche Verlauf der Dunkeladaption ist für
Stäbchen und Zapfen verschieden.
Während
die Zapfen schon nach etwa 10 Minuten dunkeladaptiert sind und
ihre Empfindlichkeit nicht weiter steigern können,
verändert sich die Empfindlichkeit der Stäbchen im
Verlauf der weiteren 25 Minuten Dunkeladaptationszeit und
erreicht dann ihr Maximum. Der umgekehrte Prozeß der
Helladaptation braucht nur wenige Sekunden.
Wollen
wir das reine Zapfensehen prüfen, muß die
Untersuchungsperson das Testlicht fixieren, und dessen
Sehwinkel (etwa 0.5 ) darf den fovealen Bereich nicht
überschreiten,
weil nur dieser frei von Stäbchen ist. Es zeigt sich, daß
die maximale Empfindlichkeit der Zapfen geringer ist als die der
Stäbchen (offene Dreiecke in Abb. 4-7). Das reine Stäbchensehen
(schwarze Dreiecke in Abb. 4-7) können wir nicht an
normalsichtigen Untersuchungspersonen prüfen,
sondern brauchen eine Person, deren Retina keine Zapfen
enthält
(sog. Stäbchen-Monochromat).

Abb.
4-8: Bei lokaler Adaptation retinaler Teilfelder enstehen
Nachbilder (s. Text).
Neben
der zeitlichen Adaptation gibt es auch eine räumliche oder
lokale Adaptation (s. Abb. 4-8): Fixieren wir das
Kreuz in der rechten Figur für etwa 30 sec und schauen
anschließend auf das Kreuz in der linken Figur oder auf
eine andere neutrale Fläche, so sehen wir ein Nachbild,
das mit den Augen und der Kopfstellung mitwandert: die vorher
schwarz gesehenen Bildteile erscheinen nun hell, und
umgekehrt erscheinen helle Bildteile nun dunkel. Diese
lokale Adaptation, die auf die Ermüdung
einzelner Rezeptorgruppen
zurückgeht,
verschwindet im allgemeinen nach wenigen Sekunden. Analoge
Nachbilder lassen sich durch farbliche Vorlagen
erzeugen: Das Nachbild erscheint in der Gegenfarbe
(z.B. rötlich bei einer grünen Vorl
age).
Während
der Fixation des obigen Bildes können wir noch einen weiteren
physiologischen Prozeß beobachten: Die
weißen
Flächen unmittelbar neben den schwarzen Punkten erscheinen
heller als die weißen Flächen in der Mitte zwischen den
schwarzen Punkten, d.h., der Kontrast zwischen den dunklen und
hellen Bildpartien wird größer. Dieser Grenzkontrast
(oder Randkontrast) wird zu Ehren seines Entdeckers Ernst Mach auch
Mach-Kontrast genannt; die an Konturen entstehenden hellen Streifen
nennt man Machsche Streifen. Sie gehen auf
vermehrte
Nervenzellentladungen an den Grenzen unterschiedlich heller
Flächen zurück und tragen so zu einer Verbesserung des
Bildkontrasts bei.

Abb.
4-9: Die runden Felder erscheinen trotz gleicher Leuchtdichte durch
die verschieden hellen Umfelder unterschiedlich hell.
Einen
Flächenkontrast zeigt die Abb. 4-9: Hier sind zwei
runde Flächen gleicher Leuchtdichte von zwei
unterschiedlich hellen eckigen Flächen
umgeben. Die (wahrgenommene) Helligkeit der
Innenflächen ist unterschiedlich: In einer
hellen Umgebung sieht dieselbe Innenfläche
dunkler aus als in einer dunklen Umgebung. Dieses
Kontrastphänomen wurde von Ewald Hering entdeckt
und wird deshalb auch Hering-Kontrast genannt.
4.1.7
Das menschliche Gesichtsfeld
Der
Begriff Gesichtsfeld kennzeichnet jenen Teil der
visuellen
Welt, der mit unbewegten Augen und unbewegtem Kopf gesehen
werden kann. Das monokulare Gesichtsfeld ist asymmetrisch, vor
allem nasal und nach oben stärker begrenzt als temporal und
nach unten. Es hat einen blinden Fleck etwa 17 temporal. Das
binokulare Gesichtsfeld ist nahezu elliptisch, umfaßt
(bei weißem bewegtem Licht) vertikal etwa 55 (oben) bzw.
65 (unten), horizontal links und rechts jeweils etwa
90 vom Fixationspunkt. So können mit fixiertem Bild
Lichtpunkte entdeckt werden, die sich im Bereich von 120 (vertikal)
und 180 horizontal erstrecken (vgl. Abb. 4-10). Das binokulare
Gesichtsfeld kann in zwei Regionen gegliedert werden: 1.)
Das eigentlich binokulare Feld liegt in der Mitte, ist
nahezu rund und erstreckt sich etwa 60 um den Fixationspunkt
herum, so daß etwa 120 insgesamt erreicht werden. 2.) Links
und rechts davon liegen Regionen, die nur monokular (vom linken
oder rechten Auge) gesehen werden können (dunkler
in Abb. 4-10).

Abb.
4-10: Das binokulare Gesichtsfeld eines Menschen (für weißes
Licht). Das von beiden Augen gleichzeitig gesehene Feld liegt in der
Mitte.
Die
elliptische Form des Gesichtsfeldes ist für
Landlebewesen
funktional, da die wichtigsten Objekte und
Interaktionspartner ebenfalls Kontakt mit dem Erdboden
haben. Darüber hinaus zeigen sich deutliche vertikale
Gesichtsfeldunterschiede: Auf Grund des etwas
häufigeren
Vorkommens von Zapfen im oberen retinalen Halbfeld und der
entsprechend differenzierteren kortikalen
Projektion ergibt sich ein besseres räumliches und zeitliches
Auflösungsvermögen des Auges im unteren
Gesichtsfeld (Skrandies 1987).
4.1.8
Die Sehschärfe
Von
der Welt, die sich in unserem Gesichtsfeld befindet,
können
wir nur einen verhältnismäßig kleinen Teil
scharf sehen. Dieser Teil fällt in den fovealen Bereich und
beträgt etwa 1-2 Sehwinkel. Als Sehwinkel (ß)
wird derjenige Raumwinkel bezeichnet, den ein Gegenstand auf der
halbkugelförmigen Retina einnimmt. "Daumenregel":
Ein mit ganz ausgestreckter Hand betrachteter
Zeigefingernagel
nimmt etwa 1 Sehwinkel ein.
Die
genaue Angabe der Sehschärfe hängt von
verschiedenen Faktoren ab, vor allem von ihrer
Definition sowie den physikalischen und physiologischen
Bedingungen der Messung. Wir können Sehschärfe
als Entdeckungsschärfe definieren - dann muß ein
kleines Objekt auf einem sonst dunklen Hintergrund entdeckt
werden; wir können sie als Lokalisationsschärfe
definieren - dann muß z.B. entdeckt werden, ob zwei Linien
genau auf einer Ebene liegen. Wir können sie als
Auflösungsvermögen definieren - dann muß z.B.
die Lage von Öffnungen in Ringen unterschiedlicher
Größe
(Landolt-Ringe) entdeckt werden, oder es muß
entschieden
werden, ob sehr dicht beieinander liegende Balken oder Punkte
getrennt sind. Schließlich können wir Sehschärfe
als Erkennensschärfe definieren, wie es
meist beim Optiker geschieht, der uns Buchstaben und Zahlen
unterschiedlicher Größe aus einer bestimmten
Entfernung vorlesen läßt.

Abb.
4-11: Die Sehschärfe (gemessen als
Kontrastempfindlichkeit)
eines Menschen für Stäbchen und Zapfen.
Wie
wir Abb. 4-11 entnehmen können, sinkt das durch
Schwarz-Weiß-Muster geprüfte
Auflösungsvermögen
des Auges mit zunehmender Entfernung von der Fovea zur Peripherie hin
ab; es ist besonders groß für Zapfen und ziemlich klein
für Stäbchen. Wird das
Auflösungsvermögen
an farbigen Mustern geprüft, ist es deutlich geringer. Dies ist
bemerkenswert, weil die Fovea nur farbempfindliche Zapfen
enthält, die aber auch bei großer Leuchtdichte dem
Schwarz-Weiß-Sehen dienen. Die Sehschärfe ist
offenbar stärker durch Hell-Dunkel-Grenzkontraste
bedingt als durch Farbkontraste, welche eher als
Flächenkontraste wirken. Zu den Grenzkontrasten tragen
besonders die auch bei Fixation unvermeidlichen minimalen
Augenbewegungen bei.
4.1.9
Zeitliche Faktoren visueller Stimulation
Die
Empfindlichkeit der Augen wird meist mit Lichtreizen geprüft,
die mindestens 100 msec andauern. Unterhalb dieser Zeit findet eine
Art zeitlicher Summation statt: Je kürzer die
Darbietungszeit, um so intensiver muß das Licht sein, um
wahrgenommen zu werden (Blocksches Gesetz). Auf diese Weise
können kurze intensive Lichtreize dieselbe Wirkung haben wie
längere schwache. Diese Wirkung kann am besten in der
retinalen Peripherie beobachtet werden, allerdings muß
eine gewisse Mindestintensität gewahrt bleiben. Die
Mindestzeit
ist dabei weniger kritisch, denn auch sehr kurze Lichtblitze
persistieren in unserer Wahrnehmung, weil der Abbau
der elektrochemischen Erregung der Photorezeptoren langsamer
vonstatten geht als der Aufbau (visuelle Persistenz).
Diese
Persistenz macht sich auch bei aufeinanderfolgenden
Stimulationen bemerkbar: Wenn wir bei Leuchtstofflicht sehen
oder Kinofilme, Fernseh- bzw. Computerbildschirme betrachten,
erscheint das Bild meistens stabil, obwohl es in rascher Folge
mit Dunkelphasen abwechselt bzw. zeilenweise immer wieder
neu "geschrieben" wird. Voraussetzung für
flimmerfreies Sehen ist, daß der Lichtwechsel so schnell
erfolgt, daß die Flimmerverschmelzungsgrenze
überschritten wird.
Die
Flimmerverschmelzungsfrequenz (CFF = critical fusion
frequency) ist diejenige Frequenz intermittierenden Lichts, die
gerade eben einen bzw. eben keinen Flimmereindruck hervorruft.
Sie kann durch verschiedene Methoden gemessen werden, so z.B.
durch rotierende Schwarz-Weiß-Scheiben oder Lampen mit
regelbaren An-Aus-Verhältnissen. Die CFF ist stark von
der Leuchtdichte der Lichtquelle abhängig: Bei
geringen Leuchtdichten, die nur skotopisches
Sehen (Stäbchensehen) ermöglichen, liegt sie
zwischen 10 und 25 Lichtreizen pro Sekunde (Hz); im
photopischen Bereich steigt sie mit zunehmender Leuchtdichte bis
auf 80 Hz - im Mittel liegt sie um 50 Hz. Oberhalb von 100
Lichtreizen pro Sekunde tritt kein Flimmern auf; das Licht
erscheint stationär.
Neben
der Leuchtdichte beeinflussen noch andere Faktoren die CFF,
darunter der Reizort auf der Retina, die Größe des
Testfeldes, der Kontrast zwischen Hell und Dunkel sowie Alter und
Ermüdung der Untersuchungsperson. Retinaler Ort und
Testfeldgröße interagieren: Während kleine
Testfelder im fovealen Bereich höhere CFFs bewirken als in der
Peripherie, ist es für größere Flächen (z.B.
Computerbildschirme, Raumbeleuchtung mit
Leuchtstoffröhren) umgekehrt.
4.1.10
Stationäre vs. bewegte Objekte
Wenn
ein Gegenstand am Rand unseres Gesichtsfelds abgebildet
wird, so werden wir ihn kaum bemerken, solange er stationär ist.
Sobald er sich bewegt, werden wir ihn nicht sofort im Detail erkennen
können, aber wir entdecken, daß sich etwas bewegt.
Dies weist darauf hin, daß das Entdecken von Bewegungen
auch unabhängig vom Wahrnehmen der Form und dem Erkennen von
Gegenständen stattfinden kann. Darüber hinaus hat man
wiederholt festgestellt, daß Tiere mit einfachen Sehsystemen
stationäre Objekte nicht erkennen können, sehr wohl
aber bewegte: Der "Frosch verhungert inmitten toter Fliegen"
(Baumgartner 1978, p.325).
Die
Sehschärfe für langsam bewegte Objekte ist größer
als für statische: Werden Lichtpunkte mit
Winkelgeschwindigkeiten bis zu 2 pro Sekunde bewegt, so werden
sie eher entdeckt als statische; erst oberhalb von 10 /s ist die
statische Sehschärfe größer, beträgt aber
bei 100 /s immer noch etwa die Hälfte der statischen
Sehschärfe.
Die
untere Schwellengeschwindigkeit für das Wahrnehmen von
Bewegungen liegt bei etwa 1 - 2 /s (1 - 2 Bogenminuten pro sec),
sofern stationäre Referenzpunkte vorliegen. Fehlen diese
Bezugspunkte, steigt die Schwelle auf etwa 10 - 20 /s. Die obere
Schwellengeschwindigkeit liegt bei etwa 100 /s, danach erscheint
das bewegte Objekt unscharf, weil die Augen es nicht mehr verfolgen
können. Diese Schwellen sind peripher höher als foveal, und
sie hängen von einer Reihe von Faktoren ab, darunter der
Leuchtdichte, Größe und räumlicher Kontext der
Reize.
4.1.11
Farbensehen
Auch
wenn das Licht unserer Umwelt durch seine spektrale
Zusammensetzung
Information über Farben enthält, ist das
eigentliche
Farbensehen ein Akt des Wahrnehmens, der bei physiologisch
unterschiedlich ausgestatteten Lebewesen zu unterschiedlichen
Ergebnissen führt. Seit Isaac Newton im Jahre 1704
demonstrierte, daß weißes Licht mit Hilfe eines
Prismas in Licht unterschiedlicher Wellenlängen zerlegt werden
kann, gilt sein berühmter Satz "die Strahlen sind nicht
farbig" (1704 / 1952, p.124). Die Farbigkeit wird somit als ein
Attribut angesehen, das zwar konsistent mit chromatischen
Eigenschaften des Lichts zusammenhängt, jedoch erst im
wahrnehmenden Lebewesen entsteht (zur wissenschaftstheoretischen
Diskussion vgl. Thompson, Palacios & Varela 1992).
Die
Frage, wie Menschen Farben sehen, ist im Verlaufe der Geschichte sehr
unterschiedlich beantwortet worden. Wir wollen hier nur zwei
Theorien darstellen, die zusammen eine plausible
Erklärung
liefern: die trichromatische Rezeptor-Theorie und die
Gegenfarben- Theorie.
Die
trichromatische Rezeptor-Theorie geht auf Thomas Young (1802)
und Hermann von Helmholtz (1866) zurück: Young nahm an, daß
es drei Rezeptorarten in der Retina gibt, die jeweils
unabhängig
voneinander auf Licht einer bestimmten Wellenlänge reagieren und
deren neurale Aktivität das Farbensehen auslöst.
Helmholtz erweiterte diese Idee, indem er annahm, daß die
drei Rezeptoren nicht nur jeweils für eine
Wellenlänge
sensibel sind, sondern im Prinzip für alle Wellenlängen,
jedoch bei bestimmten Wellenlängen Erregungsmaxima haben.
Das bedeutet, daß auch bei "reinem" Licht einer
bestimmten Wellenlänge alle drei Rezeptortypen erregt
werden und die Summenaktivität der Rezeptoren für das
Farbensehen verantwortlich ist, und daß jede
spektrale Lichtfarbe durch eine spezielle Kombination von
Rezeptor-Erregungen codiert wird.
In
der Tat enthält die Retina drei unterschiedliche
Zapfentypen, die nach Marks, Dobelle & MacNichol (1964) in
Primaten jeweils für die Wellenlängen 445nm,
535nm und 570nm maximal empfindlich sind (vgl. Abb. 4-12).
Andere Autoren kamen zu ähnlichen Ergebnissen und stützten
so die trichromatische Theorie auf der retinalen Ebene.
Hinzu kommt, daß wir bei geringer Leuchtdichte (wenn
überhaupt)
nur drei Farbtöne unterscheiden können: Rot,
Grün
und Blau. Aber diese Theorie kann allein nicht alle
Phänomene
des Farbensehens erklären.

Abb.
4-12: Absorptionsspektren für drei Zapfentypen von Primaten
(nach Marks et al. 1964).
Die
Gegenfarbentheorie geht auf Ewald Hering (1920)
zurück.
Er ging von vier Grundfarben aus (Rot, Gelb, Grün, Blau) und von
der Vorstellung, daß das Farbensehen auf zwei
antagonistisch arbeitenden physiologischen Prozessen basiert:
einem Rot-Grün-Prozeß und einem Gelb-Blau-Prozeß.
(Für das Helligkeitssehen wird ein weiterer, ebenfalls
antagonistischer Schwarz-Weiß-Prozeß
angenommen.) Für diese Auffassung sprechen zwei Gründe:
Erstens treten Nachbilder (nach längerer
Reizeinwirkung) in der jeweiligen Gegenfarbe der
Reizvorlage auf. So bewirkt z.B. eine rote Vorlage ein grünes
Nachbild, eine blaue Vorlage ein gelbes, und eine weiße
Vorlage ein schwarzes Nachbild. Zweitens erleben wir
zwar eine breite Palette von Farbmischungen, jedoch
bestimmte Mischungen nicht: Es gibt für uns kein
"rötliches
Grün" und kein "bläuliches Gelb", wohl aber
"grünliches Blau" und "gelbliches Rot".
Hering postulierte, daß jeder der drei Rezeptortypen einen
antagonistischen Prozeß auslöst: einen Blau-Gelb-,
einen Rot-Grün- und einen Schwarz-Weiß-Prozeß.
Jeder Rezeptor kann nur auf eine von zwei gegenläufigenWeisen
reagieren, z.B. entweder positiv oder negativ.
Während
Hering annahm, daß die Farbcodierung bereits auf der Ebene der
Rezeptoren geschieht, haben Hurvich & Jameson (1957)
vorgeschlagen, daß die drei Zapfentypen, die jeweils für
unterschiedliche Wellenlängen maximal empfindlich sind, auf
höherer Ebene drei Paare antagonistischer neuraler
Mechanismen unterschiedlich aktivieren: einen
Rot-Grün-Prozeß, einen Blau-Gelb-Prozeß und einen
Schwarz-Weiß-Prozeß. Die Farbcodierung erfolgt danach
aber nicht auf der Ebene der Rezeptoren, sondern als Ergebnis der
Interaktion der antagonistischen neuralen Prozesse, wobei die
Leuchtdichte-Information von allen drei Grundprozessen gemeinsam
beigetragen wird. Eine ähnliche Vorstellung hat Joh. v. Kries um
1910 in der sog. Zonentheorie formuliert.

Abb.
4-13: S-Potentiale auf farbige Lichtblitze an der
Fisch-Retina
(nach Svaetichin 1956).
Neurophysiologische
Belege für antagonistische Prozesse der Farbcodierung
wurden vor allem bei Ableitungen retinaler Zellen von Fischen
und von Ganglionzellen im lateralen Genikulatkern von Affen
gefunden. Gunnar Svaetichin (1956) hat
gegenläufige
langsame elektrische Potentiale (S-Potentiale) in der
Retina von Fischen festgestellt, wenn sie mit Lichtblitzen
unterschiedlicher Wellenlänge stimuliert werden. Ein
Beispiel für eine Rot-Grün-Zelle ist in Abb. 4-13
schematisch dargestellt: Wird diese Zelle mit
Lichtblitzen
zwischen 400 und 560 nm Wellenlänge stimuliert, reagiert
sie mit Hemmung, wird sie mit Wellenlängen
zwischen 570 und 740 nm stimuliert, reagiert sie mit Erregung.
Im
lateralen Genikulatkern von Primaten hat DeValois
(1965; DeValois & Jacobs 1968) festgestellt,
daß
zwar einige Zellen auf Licht jeder Wellenlänge mit
einem Anstieg der Entladungsrate über das spontane
Erregungsniveau hinaus antworten, andere Zellen
jedoch auf Licht einer bestimmten Wellenlänge mit einem
Anstieg und auf Licht der Gegenfarbe mit einer Hemmung der
Aktivität
reagieren. Antwortet die Zelle z.B. auf rotes Licht positiv
und auf grünes negativ, so wird sie R+G--Zelle
(Red-Plus/Green-Minus Cell) genannt. Antwortet sie auf Blau
positiv und auf Gelb negativ, wird sie B+Y--Zelle
(Blue-Plus/Yellow-Minus Cell) genannt.

Abb.
4-14: Schema einer Zwei-Stufen-Farbtheorie. Drei Arten von
Zäpfchen mit maximaler Empfindlichkeit für kurze,
mittlere und lange Lichtwellen sind mit antagonistischen
Zellen verbunden.
Das
stark vereinfachte Modell eines Zwei-Stufen-Prozesses der
physiologischen Farbcodierung ist in Abb. 4-14 zu sehen. In der
ersten Stufe werden die drei Zapfen-arten (mit maximaler
Empfindlichkeit für Licht kurzer, mittlerer oder großer
Wellenlänge) unterschiedlich erregt, und diese
Entladungsmuster werden gleichzeitig an mehrere
antagonistisch arbeitende postretinale Zellen
weitergegeben.
Um
dieses Modell zu verstehen, sollten wir uns zuerst mit den
Rot-Grün-Zellen beschäftigen. Die R+G--Zelle
wird durch langwelliges Licht erregt und durch mittelwelliges
Licht gehemmt. Anders ausgedrückt: Licht mittlerer
Wellenlänge, das vor allem den mittleren Zapfen stimuliert,
führt in der R+G--Zelle zu einer
Verringerung der Spontanaktivität, während Licht
großer Wellenlänge, das vor allem den rechten
Zapfen
stimuliert, in der R+G--Zelle zu einer
Erhöhung
der Aktivität führt. Genau umgekehrt verhält es
sich bei der G+R--Zelle: Sie wird durch den
mittleren (mittelwelligen) Rezeptor erregt und durch den rechten
(langwelligen) gehemmt.
Etwas
komplizierter arbeiten die Blau-Gelb-Zellen: Sie erhalten
neurale Signale von allen drei Rezeptorarten. Die B+Y--Zelle
wird durch den linken (kurzwelligen) Zapfen erregt und
durch die beiden anderen gehemmt, während die Y+B--Zelle
durch die für mittel- und langwelliges Licht maximal
empfindlichen Zapfen erregt und durch die für
kurzwelliges
Licht maximal empfindliche Zapfenaktivität gehemmt wird.
Somit ist die eigentliche
Farb-Information
im Erregungsmuster der zweiten Stufe enthalten. Hinzu
kommen noch viele verschiedene Arten von Zellen im Striatum, auf
deren Mechanismen wir hier aber nicht eingehen können.
4.1.12
"Subjektive" Farben
Zum
Schluss dieses Abschnitts soll noch darauf hingewiesen
werden,
daß Farbwahrnehmungen auch ohne entsprechende
spektrale Information zustande kommen können.
Bei entsprechenden stationären oder bewegten
Schwarz-Weiß-Mustern können sog. subjektive
Farben entstehen, d.h. Farben, die keine
Entsprechung in einer physikalischen
Lichtwellenlänge
haben. Wird beispielsweise ein Muster, wie es Fechner und Benham
zuerst verwendet haben (sog. Benhams Scheibe, Abb.
4-15) im Uhrzeigersinn mit einer Drehzahl von 5-10 Umdrehungen pro
Sekunde gedreht, so nehmen wir ungesättigte Farben (vor allem
Gelb und Rot) wahr. Drehen wir sie in Gegenrichtung, kann sich die
Reihenfolge des Auftretens der Farben umkehren. Die physiologischen
Ursachen dieser Farbwahrnehmung sind noch unklar; es wird vermutet,
daß retinale Prozesse umgangen werden und die intermittierende
Schwarz-Weiß-Stimulation eine Abfolge neuraler Ereignisse
auslöst, wie sie sonst bei Wahrnehmung spektraler Farben
vorkommen (vgl. Wade 1977).

Abb.
4-15: Benhams Scheibe: Wird dieses Schwarz-Weiß-Muster rotiert,
entstehen subjektive Farben.
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