Überarbeitet aus:
Guski, Rainer (1996): Wahrnehmen - ein Lehrbuch. Stuttgart: Kohlhammer
6.2.4
Wahrnehmen der Größe bzw. Höhe über dem Boden
Wir
haben im Kapitel 2 gesehen, daß sich die Wissenschaft schon
lange mit der Frage beschäftigt, wie es uns gelingt, die
Größe
eines Objekts einzuschätzen. Wichtige Aspekte in dieser
Diskussion waren und sind 1.) der Sehwinkel, den ein Objekt einnimmt,
2.) Erfahrungswissen über die Größe von
Alltagsobjekten und 3.) visuelle Zusatz-Information über die
Entfernung der Objekte. So hat z.B. Euklid vermutet, daß vor
allem der Sehwinkel zur Größenschätzung
herangezogen wird; Descartes vermutete, daß unser früher
erworbenes Wissen über die Größe und
Entfernung der Objekte entscheidend sei, und Gibson (1950) betonte,
daß wesentliche Information über die Größe von
Objekten in der zugehörigen Bodentextur
enthalten sei.
6.2.4.1
Zur Rolle des Sehwinkels bei der Größenschätzung
Die
Größe eines Objektes (Höhe und Breite) wird
üblicherweise als lineares Ausmaß seiner Erstreckung in
einer bestimmten Dimension gemessen. Meist ist mit dem Begriff
"Größe" die Länge in der vertikalen
Dimension (Höhe) gemeint, manchmal auch das Volumen. Wir wollen
uns hier mit der Schätzung der Höhe beschäftigen. Am
einfachsten geht dies, wenn das Objekt auf einer irdischen Fläche
steht. Komplizierter sind Größenangaben, wenn das Objekt
nicht mit einer Standfläche verbunden ist (z.B. ein Vogel in der
Luft, ein Schiff auf dem Wasser).
Wie
wenig Information der ein- oder zweidimensionale Sehwinkel
allein über die Größe eines Objektes bietet, zeigt
Abb. 6-43: Hier befinden sich drei unterschiedlich
große Objekte (x, y und z) mit teilweise
unterschiedlicher Entfernung und Neigung zum
Beobachtungspunkt. Dennoch nehmen alle drei denselben
Sehwinkel
(A) ein. So verwundert es nicht, daß Experimente, in denen
lediglich die retinale Abbildungsgröße als
Information über die Objektgröße zur
Verfügung
stand, nur schwache Zusammenhänge zwischen realer und
geschätzter Objektgröße zeigten:

Abb.
6-43: Der Sehwinkel, den ein Objekt (x, y oder z) einnimmt,
hängt nicht nur von seiner Größe, sondern auch von
seiner Distanz und Neigung ab.
Eine
bekannte Untersuchung dazu stammt von Holway &
Boring (1941). Die Beobachter saßen im
Schnittpunkt
zweier Flure auf einem Stuhl und blickten auf jeweils einen
Projektionsschirm, der in jedem Flur stand. Auf dem
(feststehenden)
Schirm im kurzen Flur wurde mit Hilfe eines Projektors (Pc in
Abb. 6-44) ein heller Kreis so abgebildet, daß er einen
konstanten Sehwinkel von 1 am Beobachtungspunkt O einnahm.
Dieser Kreis diente als Standardreiz, mit dem ein zweiter Kreis zu
vergleichen war, der vom Projektor Pv auf den (variablen) Schirm
im langen Flur projiziert wurde. Die Entfernung dieses Schirms
wurde systematisch variiert, und die Beobachter sollten die
Größe des Kreises auf diesem Schirm so einstellen, daß
sie der des Standardkreises entsprach. Da die Größe
des Standardkreises konstant 1 betrug, hätten die
Untersuchungspersonen auch den Vergleichskreis immer auf 1
einstellen
müssen, wenn sie nur die retinale Größe
als visuelle Information benutzt hätten. Die Versuchsleiter
variierten aber die verfügbare Information in vier Stufen: In
einer ersten Bedingung hatten die Beobachter volle binokulare
Sicht auf die Flure und die beiden Projektionsschirme. In der
zweiten Bedingung hatten sie volle monokulare Sicht auf die
Anordnung, in der dritten Bedingung hatten sie eine durch eine
"künstliche Pupille" reduzierte Sicht auf die
Anordnung, und in der letzten Bedingung blickten sie durch die
"künstliche Pupille", hinter der sich ein schwarz
ausgekleideter Reduktionsschirm befand. In dieser letzten Bedingung
war praktisch nur die retinale Größe als Information
über
die Objektgröße verfügbar.

Abb.
6-44: Schema der Anordnung von Holway & Boring (1941). Die
drei Objekte (a - c) im langen Flur nehmen denselben Sehwinkel ein
(Erläuterungen im Text).
Die
Ergebnisse (Abb. 6-45) weisen darauf hin, daß die retinale
Größe als Information über die Objektgröße
höchstens dann entscheidend wird, wenn keine andere
Information verfügbar ist: Nur unter stark reduzierten
Sehbedingungen entsprach die geschätzte Größe
des Kreises näherungsweise der Abbildungsgröße,
und selbst hier stieg die Größenschätzung leicht mit
zunehmender Entfernung an. Dieses Ergebnis wurde in einer
späteren Untersuchung von Lichten & Lurie (1950) auf
die unzureichende Eliminierung von Entfernungshinweisen
zurückgeführt: Wird die Entfernungs-Information mit
Hilfe genau passender Reduktionsschirme völlig ausgeschaltet,
dann entspricht die Größenschätzung
tatsächlich
der Sehwinkelgrösse.

Abb.
6-45: Geschätzte Größe und verfügbare
Information nach Holway & Boring (1941).
Bei
voller binokularer oder monokularer Sicht auf Boden, Wände und
Projektionsschirme wichen die eingestellten Größen in
Holway & Borings (1941) Experiment erheblich von den retinalen
Abbildungsgrößen ab. Die Vergleichskreise wurden mit
zunehmender Entfernung systematisch kleiner als der Standardkreis
eingestellt, und damit verhielten sich die Beobachter nach der Regel
der Größenkonstanz:
Die Objektgröße wird
in Relation zur Entfernung gesehen.
6.2.4.2
Zur Rolle der Erfahrung bei der Größenschätzung
Im
Experiment von Holway & Boring (1941) wurde absichtlich eine
abstrakte Figur für die Größenschätzung
verwendet, weil man vermuten muß, daß unsere Erfahrung
mit Alltagsgegenständen die Schätzung ihrer
Größe
beeinflußt. Dies hat sich ja in den Untersuchungen zur
Entfernungsschätzung (vgl. Abschnitt 6.2.3.2) schon
angedeutet:
In
Epsteins (1965) Untersuchung mit vertrauten Münzen
haben die Beobachter sowohl die Entfernung der Münzen
als auch ihre Größe bei monokularer Betrachtung ohne
visuelle Umgebungs-Information näherungsweise so
eingestellt, wie es ihrer bekannten realen Größe im
Alltag entspricht (vgl. Abb. 6-46). Allerdings war dieser Effekt
bei binokularer Betrachtung nicht signifikant, was auf die
Möglichkeit hinweist, daß der Effekt der "bekannten
Größe" vor allem dann wirkt, wenn wenig visuelle
Information verfügbar ist.

Abb.
6-46: Bei monokularer Betrachtung von gleich großen
Münzen
folgt deren Größenschätzung etwa der
bekannten Größe (nach Epstein 1965).
Es
ist jedoch nicht a priori festzulegen, ob genügend
visuelle Information verfügbar ist oder nicht. So hat
Schiffman (1967) leicht vergrößerte bzw. verkleinerte
Alltagsgegenstände (z.B. Zigarettenschachteln,
Spielkarten und Toilettenpapierrollen) sowohl mit denselben
Objekten in realistischer Größe als auch mit abstrakten
Gegenständen monokular und binokular in verschiedenen
Entfernungen vergleichen lassen und festgestellt, daß der
Einfluß der bekannten Größe vor allem dann
signifikant wirkte, wenn die Objekte weit entfernt waren. Dies
zeigte sich besonders beim Vergleich zwischen den bekannten
Gegenständen in ungewohnter Größe und den abstrakten
Kontrollgegenständen. Aber auch bei geringem
Betrachtungsabstand und voller Umgebungs-Information gab es eine
Tendenz in Richtung auf "bekannte Größe",
wenn Alltagsgegenstände in gewohnter und ungewohnter
Größe
miteinander verglichen wurden. In diesem Fall kann kaum von "zu
wenig visueller Information" gesprochen werden, und nachfolgende
Autoren (z.B. Predebon, Wenderoth & Curthoys 1974) nehmen zur
Erklärung eher untersuchungstechnische Besonderheiten an, z.B.
die Verwendung derselben Untersuchungspersonen in verschiedenen
Betrachtungsbedingungen: Es ist denkbar, daß die
Beobachter, die im selben Versuch Alltagsgegenstände in
verschiedenen Größen beurteilen, leicht Hypothesen
über die Bedeutung des Faktors Größe entwickeln
können.
In
mehreren Untersuchungen wurden Stühle unterschiedlicher
Größe als bekannte Objekte verwendet (z.B. Slack 1956;
Fillenbaum, Schiffman & Butcher 1965; Franklin & Erickson
1969; G. Predebon et al. 1974; J. Predebon 1993). Da die meisten
Stühle zwar für die Körpergröße von
Erwachsenen gebaut werden, aber manche auch für die von Kindern,
ist zu erwarten, daß sich der Einfluß der bekannten
Größe eher in einer Unterschätzung zu großer
als in einer Überschätzung zu kleiner Stühle
niederschlägt. Untersuchungen, in denen zu große und zu
kleine Stühle als Wahrnehmungsobjekte verwendet wurden, zeigten
tatsächlich eher eine Unterschätzung der zu großen
Stühle als eine Überschätzung der zu kleinen -
besonders bei großen Betrachtungsabständen und
der Instruktion, die "objektive" (nicht die scheinbare)
Größe zu beurteilen.
Die
Frage, wie die Erfahrung mit der Größe bekannter
Objekte die aktuelle Größenschätzung
beeinflußt,
ist bis heute nicht sicher zu beantworten. Zunächst ist
festzuhalten, daß dieser kognitive Faktor bei voller
visueller Information über Größe und Entfernung nur
einen geringen Einfluß hat. Wenn aber die visuelle
Entfernungs-Information reduziert ist, wirkt nach der Theorie von
Gogel (Gogel 1969; Gogel & DaSilva 1987a,b) eine
Äquidistanz-Tendenz: Danach haben wir Menschen die
Tendenz, bei ungenügender visueller
Entfernungs-Information
eine Objektentfernung von etwa 1 - 3 m anzunehmen. Gogel
behauptet, daß diese Referenzentfernung derjenigen
Entfernung entspricht, in der Alltagsgegenstände
normalerweise betrachtet werden - was den früher (Kap.
4.1.1) bereits erwähnten Ergebnissen von Wagner, Baird &
Barbaresi (1981) entspricht. Wenn nun bekannte Objekte in einer
ungewöhnlichen Größe ohne ausreichende visuelle
Entfernungs-Information zu sehen sind, wird die
Standardentfernung als Bezugssystem angenommen, und folglich
erscheinen zu große Objekte als näher und kleiner, als es
ihrer physischen Größe entspricht; umgekehrt erscheinen zu
kleine Objekte als weiter entfernt und größer.
6.2.4.3
Textur und Perspektive bei der Größenschätzung
Die
bisher dargestellten Untersuchungen haben deutlich gemacht,
daß
Entfernungs-Information für die Schätzung der
Objektgröße
wesentlich ist. Da Entfernungs-Information vor allem in der Textur
des Umfeldes von Objekten enthalten ist, müssen wir nun fragen,
ob und wie diese Information zur
Größenschätzung
genutzt werden kann.
Aus
den oben (Kap. 6.2.3) dargestellten Untersuchungen zum
Entfernungssehen ging hervor, daß die egozentrische Entfernung
von auf dem Boden stehenden Objekten mit Hilfe der Textur
des Bodens geschätzt werden kann. Dies gilt auch für
exozentrische Entfernungen und für die Erstreckung
(Größe)
flach auf dem Boden liegender Gegenstände: Die Länge einer
Kante solcher Gegenstände wird durch die Anzahl der
Texturelemente spezifiziert, die sie auf dem Boden verdecken. In
diesem speziellen Fall, in dem die zu beurteilende Strecke in engem
Kontakt mit der Bodentextur steht, entspricht die
Größenschätzung der exozentrischen
Entfernungsschätzung. Wie aber schätzen wir die Höhe
nicht-flacher Gegenstände? Können die zum Boden
gehörenden Texturelemente auch zur
Höhenschätzung
verwendet werden? Welche weiteren Informationen stehen zur
Verfügung?
Wenn
wir Höhen- oder Größenschätzungen innerhalb
von Räumen unter normalen Sehbedingungen vornehmen, steht
zusätzlich zur Bodentextur noch die Textur der
Seitenwände und Decke sowie Information aus perspektivischen
Linien zur Verfügung (Abb. 6-47). Wir können in diesem Fall
unsere Aussage zur Schätzung flach auf dem Boden liegender
Objekte erweitern: Die in die Höhe gehenden
Strecken verdecken Teile der Seitentextur, die somit zur
Skalierung der Höhe herangezogen werden kann.
Allerdings haben die vertikalen Strecken weitaus seltener
direkten Kontakt zur Seitentextur, als es bei den auf dem Boden
befindlichen Strecken der Fall ist.

Abb.
6-47: Wenn Boden-, Wand- und Deckentextur sichtbar sind, kann die
relative Größe (Höhe) leicht bestimmt werden.
Personen a und c sind etwa gleich groß; b ist
größer.
Empirische
Untersuchungen (z.B. Blessing, Landauer & Coltheart 1967; Vogel
&
Teghtsoonian 1972) bestätigen weitgehend die Annahme, daß
die Größenschätzung abstrakter Flächen
durch die Textur des Umfeldes
beeinflußt wird. Insbesondere
scheinen die perspektivischen Linien innerhalb der
Textur stark auf die Größenschätzung zu wirken. So
haben Vogel & Teghtsoonian (1972) Größenschätzungen
von Kreisen in einem Tunnel unter drei verschiedenen künstlichen
Perspektiven durchführen lassen: a) mit parallelen
Seitenwänden, b) mit konvergierenden Seitenwänden und
c) mit divergierenden Seitenwänden. In unserer Kultur finden wir
meist parallele Seitenwände; in perspektivischer
Darstellung konvergieren sie mit zunehmender Entfernung. Der
Tunnel mit konvergierenden Seitenlinien vermittelte den Eindruck
rasch wachsender Tiefe, während der Tunnel mit
divergierenden Seitenlinien den Eindruck unnatürlich
geringer Tiefe vermittelte.
In
Abb. 6-48 ist der Tunnel für die beiden "falschen"
perspektivischen Bedingungen dargestellt - ohne
Reizmaterial. Die Untersuchungspersonen blickten
monokular durch eines der beiden Gucklöcher auf die
gegenüberliegende Seite und sahen dabei sowohl die
(wenig texturierten) Wände mit Boden und deren
Begrenzungslinien als auch eine schwarze Kreisscheibe, deren
Größe und Entfernung systematisch variiert
wurde. Sie sollten die Größe dieses Kreises schätzen.

Abb.
6-48: Schema des "Tunnels" in den Bedingungen mit
nicht-parallelen Seitenwänden bei Vogel &
Teghtsoonian
(1972).
Die
Ergebnisse dieser Untersuchung sind in Abb. 6-49 als
geometrische Mittelwerte in den drei Sehbedingungen und bei
mittlerer Reizgröße dargestellt. Wir erkennen, daß
die Art der perspektivischen Umgebungs-Information einen
erheblichen Einfluß auf die
Größenschätzung
der Kreise hat: Während die geschätzte Größe bei
parallelen Seitenwänden nur leicht mit zunehmender
Entfernung abnimmt, steigt sie bei konvergierenden
Seitenlinien und nimmt bei divergierenden stark
ab. Da in dieser Untersuchung später auch
Entfernungsschätzungen durchgeführt wurden, die nicht
einfach den geschätzten Größen umgekehrt
proportional sind, nehmen die Autorinnen an, daß die
klassische Auffassung, die anschauliche Größe
werde durch die anschauliche Entfernung erschlossen, nicht haltbar
ist. Sie meinen, daß die anschauliche Größe durch
entfernungsbezogene perspektivische Umgebungs-Information
direkt beeinflußt wird.

Abb.
6-49: Mittelwerte der Größenschätzungen bei
verschiedenen Entfernungen und drei Sehbedingungen (Vogel &
Teghtsoonian 1972).
Für
das "direkte" Wahrnehmen (im Sinne des ökologischen
Ansatzes der Wahrnehmungsforschung) der relativen Größe
stehen nach Sedgwick (1980, 1986) zwei weitere perspektivische
Informationen zur Verfügung: 1. das
Horizont-Verhältnis
(engl. horizon-ratio-relation), 2. die perspektivischen Projektionen
bodenparalleler Flächen.

Abb.
6-50: Gleich große Objekte werden durch den sichtbaren Horizont
im
konstanten Verhältnis geschnitten (Horizont-Verhältnis).
Das
Horizont-Verhältnis
beruht auf dem Umstand, daß
sich der sichtbare Horizont des ebenen Erdbodens immer in
Augenhöhe
der Beobachter befindet. Darüber hinaus schneidet er die Höhe
sichtbarer Objekte immer im selben Verhältnis. Das
bedeutet, daß Objekte mit derselben Höhe auch
unabhängig
von ihrer Entfernung dasselbe Horizont-Verhältnis haben. Diese
Situation ist in Abb. 6-50 schematisch dargestellt: Drei Balken
gleicher Höhe befinden sich auf dem Boden in unterschiedlicher
Entfernung vom Beobachter. Gehen wir von der einfachen
Situation aus, daß ein Beobachter auf dem Erdboden steht,
so schneidet die perspektivische Projektionslinie von seiner
Augenhöhe bis zum Horizont alle
Pfähle in Augenhöhe. Damit hat der Beobachter
eine intrinsische Skala zur Beurteilung der relativen Höhe der
Balken; die Einheit dieser Skala ist die eigene Augenhöhe. Sind
die Balken gleich groß, schneidet die Horizontlinie
die Balken im konstanten Verhältnis, d.h., das
Größenverhältnis
zwischen den oberhalb und unterhalb des Horizonts befindlichen
Teilen bleibt konstant (h1/h2 = h3/h4 = h5/h6 in Abb. 6-50).
Verändert der Beobachter seine Entfernung zu den Balken, so
bleibt das Horizont-Verhältnis konstant. Verändert er seine
Augenhöhe (z.B. durch Hinsetzen), so ändert sich zwar das
Horizont-Verhältnis gegenüber der stehenden Position,
aber die Horizontlinie schneidet die drei Pfähle wieder in einem
konstanten Verhältnis.

Abb.
6-51: Bei unterschiedlich großen Objekten entstehen
unterschiedliche Horizont-Verhältnisse. Dennoch
kann die Höhe des Horizonts zur
Größenschätzung
benutzt werden.
Auch
wenn die Objekte unterschiedlich groß sind, kann das
Horizont-Verhältnis als intrinsische Skala zur Einschätzung
der relativen Größe benutzt werden. Da die Horizontlinie
in Abb. 6-51 den linken Balken in der Mitte schneidet, muß er
doppelt so groß wie die Augenhöhe sein. Der
rechte Balken, der unterhalb der Mitte geschnitten
wird, muß mehr als doppelt so groß wie die
Augenhöhe
sein; er ist fast zweieinhalbmal so groß wie die
Augenhöhe.
In der bereits erwähnten Untersuchung von Higashiyama
und Shimono (1994), in der Größen (und Entfernungen)
realer Objekte geschätzt wurden, kamen die Autoren zu dem
Schluß, daß das Horizont-Verhältnis vor allem
bei Abwesenheit von Textur-Information (z.B. auf See) zur
Größenschätzung genutzt wird.
Die
zweite perspektivische Informationsquelle für
Größenschätzung ist nach Sedgwick
(1986) im Verlauf der Projektionslinien der
bodenparallelen Oberflächen der Objekte enthalten.
Sie ist allerdings nur dann nutzbar, wenn es sich um
geographisch horizontal orientierte Flächen handelt.
In diesem Fall müßten sich die Projektionslinien
gleich großer Objekte auf einem gemeinsamen Horizont treffen.
Sind sie nicht gleich groß, entsteht ein Unterschied im Winkel
der nach hinten führenden Projektionslinien (a
und b in Abb. 6-52). Außerdem ist der Winkel der zum
Fluchtpunkt 2 (F2a, F2b) führenden Projektionslinien bei
ungleich großen Objekten verschieden. In welchem Ausmaß
diese Information auch tatsächlich zur
Größenschätzung genutzt wird, ist zur
Zeit noch offen.

Abb.
6-52: Der Winkelunterschied (a und b) zwischen den zum Fluchtpunkt F1
führenden Projektionen bodenparalleler Flächen
steht für die Größenschätzung zur Verfügung.
Zusammenfassend
können wir feststellen, daß in der optischen
Anordnung viele Informationen aus Textur und Perspektive
enthalten sind, die (zusammen mit den binokularen Informationen)
genutzt werden können, um die relative Größe von
Objekten zu schätzen
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